Abschied von der billigen Werkbank

Nach Fabriken bauen Konzerne auch Forschungsabteilungen in China und anderen Schwellenländern auf. Die Industrienationen setzt das unter Druck.

Lange Zeit wurden aufstrebende Schwellenländer wie China oder Indien nur als „verlängerte Werkbänke“ der Industrienationen wahrgenommen, die lediglich die Ideen und Innovationen der großen multinationalen Konzerne umzusetzen hatten. Die Löhne waren niedrig und zudem lockten die Regierungen mit Steuervorteilen für Konzerne, die eine Fertigung aufbauten. Diese Arbeitsteilung von Ideengenerierung in Industrienationen und anschließender günstiger Herstellung in Asien wandelt sich aktuell jedoch in einem rasanten Tempo. Große Unternehmen verlagern auf der Suche nach weiterem Wachstum und den damit steigenden Anforderungen an ihre eigene Innovationskraft immer häufiger Forschungsabteilungen in Schwellenländer oder bauen dort gleich gänzlich neue Zentren für Forschung und Entwicklung (F&E) auf. Der amerikanische Softwarehersteller Microsoft zum Beispiel investiert gerade 280 Millionen Dollar in ein neues F&E-Center in Peking. Der US-Technologiekonzern General Electric betreibt bereits seit 2009 ein entsprechendes Center im indischen Bangalore, in dem rund 2000 Forscher arbeiten.

Die Auswirkungen dieses Trends haben bereits jetzt einen nachhaltigen Einfluss auf die bestehende globale Geschäftswelt und werden zu weitergehenden Veränderungen zwischen den etablierten Industrienationen und den aufstrebenden Schwellenländern führen.

Fünf Millionen Absolventen pro Jahr

Die Gründe für den Ausbau internationaler F&E-Strukturen liegen für die Unternehmen auf der Hand. Neben den Wachstumschancen ist für viele die Möglichkeit besonders wichtig, gute Mitarbeiter zu rekrutieren. Der sogenannte „Talent Gap“ ist in einzelnen aufstrebenden Wirtschaftsnationen noch nicht so groß wie in den etablierten Industrienationen. So verlassen beispielsweise alleine fünf Millionen Absolventen pro Jahr die chinesischen Universitäten, in Indien sind es drei Millionen. Zwar wird nicht jeder Absolvent den hohen Anforderungen der Konzerne gerecht. Dennoch ist der Pool an hochqualifizierten Akademikern, die keinen Vergleich zu ihren Kollegen in den Industrienationen scheuen müssen, eine in absoluten Zahlen wichtige Quelle für die Personalrekrutierung.

Angesichts der Wachstumsszenarien ist es für viele internationale Konzerne zudem unverzichtbar, Präsenz in den Boomländern zu zeigen und die lokalen Marktbedürfnissen eng in ihre Forschungs- und Entwicklungsarbeiten einzubeziehen. Das führt dazu, dass Konzerne viele bestehende Produkte auf die vor Ort bestehenden Kunden- und Marktbedürfnisse anpassen. Bereits vor 20 Jahren verringerten Konsumgüterhersteller ihre Verpackungsgrößen für Shampoo und Waschmittel, um auf diese Weise besser den Bedürfnissen geringverdienender Kunden gerecht werden zu können.

Handy als Taschenlampe

Der passende Zuschnitt bestehender Produkte auf lokale Anforderungen war jedoch nur der erste Schritt. Mittlerweile werden auch gänzlich neue Produkte für die jeweiligen Märkte entwickelt, wie etwa Mobiltelefone mit „Taschenlampen-Applikation“ für auftretende Stromausfälle, Trainingsanzüge für muslimische Frauen, 2000-Dollar-Autos oder batteriebetriebene Kühlschränke.
Erstaunlich daran ist, dass sich durch diese Produkte gänzlich neue Wachstumsmärkte für die Unternehmen ergeben können und zwar nicht nur in den ursprünglich avisierten Niedrigpreisländern, sondern auch in den etablierten Industrienationen. Greifbar wird dieses Phänomen – in der Fachpresse als „Reverse Innovation“ bezeichnet – etwa beim Tata Nano. Das Auto wurde ursprünglich für asiatische Käufergruppen entwickelt und wird ab 2011 auch auf den europäischen Märkten lanciert, um dort preisbewusste Konsumenten anzusprechen

Die Verlagerung von F&E-Kompetenzen und innovativem Know-how birgt jedoch auch das Risiko, einen technologischen Entwicklungsvorsprung schnell preiszugeben. Für sensible Kernkompetenzen ist daher eine genaue Standortanalyse wichtig, die vor allem auch den Punkt „Schutz des geistigen Eigentums“ berücksichtigt. Gelegentlich bieten sich unter diesem Aspekt Länder wie Korea oder Taiwan eher an als beispielsweise China, da dort ein grundsätzlich verlässlicher Schutz des eigenen Know-hows gewährleistet werden kann. Daneben stellen sich – insbesondere bei internationalen Arbeitsteams – kulturelle, sprachliche und fachliche Integrationsherausforderungen.

In Summe können durch die Verlagerung von F&E-Aktivitäten nicht nur die Konzerne profitieren, sondern auch die Volkswirtschaften. Durch die verstärkte Ansammlung von Know-how in den Schwellenländern entwickeln sich diese von den „Werkbänken“ der Welt hin zu innovationsgetriebenen Industrienationen. Diese (staatlich unterstützte) Bestrebung beruht sicherlich auch auf der Erkenntnis, dass sich im internationalen Vergleich immer Länder finden lassen, die die Arbeiten nochmals günstiger anbieten können. Beispiel sind Bangladesch und Vietnam. Insofern ist das Ziel der aufstrebenden Schwellenländer, auf der Wertschöpfungskette voranzuschreiten, nachvollziehbar.

Die Schwellenländer holen auf

Auswirkungen ergeben sich auch für die Industrienationen. Sie profitieren auf der einen Seite vom Erfolg ihrer Konzerne und die Bewohner von den Innovationen aus den Schwellenländern. Auf der anderen Seite zeigt die Entwicklung aber auch, wie wichtig es für die führenden Industrienationen sein wird, weiter in Innovation und Know-how zu investieren, um die aufrückenden Schwellenländer auf Abstand zu halten.

Denn die Verlagerung von F&E in die beschriebenen Wachstumsregionen wird in den kommenden Jahren rasant an Geschwindigkeit zunehmen. Unternehmen sind im Zuge der Sicherung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit gezwungen, in den neuen Märkten mit eigenen Produkten aufzutreten, und sie werden diese immer stärker lokal in eigenen Abteilungen erforschen und entwickeln. Diese Veränderung wird die globale Innovationsquote nach oben treiben und zu einer weitergehenden Angleichung der – bislang noch stark unterschiedlichen – Lebensstandards zwischen Industrie- und Schwellenländern führen.

Den ganzen Artikel können Sie auch unter folgender Adresse nachlesen: http://www.focus.de/finanzen/news/tid-20700/schwellenlaender-abschied-von-der-billigenwerkbank_aid_580266.html

Ein Artikel aus Focus Money online (www.focus.de)

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