VCI-Innovationsstudie: Start-ups gewinnen strategisch an Bedeutung

Start-up-Unternehmen zukünftig ein wichtiges Instrument für disruptive Innovationen

Große Mittelständler und Konzerne der Chemie- und Pharmaindustrie sehen die Beteiligung an Start-up-Unternehmen zukünftig als eine wichtige Säule ihrer Strategie um zu einem ausgewogeneren, stärker disruptiv ausgerichteten Innovationsportfolio zu gelangen. So lautet ein zentrales Ergebnis der aktuellen Studie „Innovationen den Weg ebnen“, die im Auftrag des Verbands der Chemischen Industrie e.V. (VCI) von IW Consult und der Unternehmensberatung SANTIAGO erstellt wurde.

tl_files/images/artikel/VCI Artikel 15.12.15/VCI_Hemmnisse_Disruptivitaet.jpgAbbildung: Insbesondere Großunternehmen haben Schwierigkeiten mit disruptiven Innovationen

Demnach schaffen es viele Großunternehmen nicht, die Entwicklung von Durchbruchs-Innovationen in der eigenen, angestammten Organisation zu systematisieren. Nach zahlreichen Versuchen mit internen Start-ups und Inkubatoren kommen immer mehr Unternehmen zu der Überzeugung, dass wirklich disruptive Innovation zunehmend außerhalb des Unternehmens passieren muss. Dies gilt umso mehr, je eher die disruptiven Neuentwicklungen zu einer Kannibalisierung des bestehenden Geschäfts führen könnten. Genau in diese „Lücke“, so die Strategie einer Vielzahl der befragten Unternehmen, sollen technologieorientierte Start-up-Unternehmen springen. Umso wichtiger ist es, dass die Rahmenbedingungen in Deutschland eine regelrechte Gründeroffensive ermöglichen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, mit welchen Innovationshemmnissen sich junge Unternehmen in Deutschland konfrontiert sehen.

„Die chemisch-pharmazeutische Industrie hat die strategische Bedeutung von Start-ups für die eigene Innovationsarbeit neu entdeckt. Sie sind kompetent und agil und stellen oftmals die tradierten Wege der eigenen Forschung und Entwicklung in Frage. Will sie hiervon profitieren, muss sie vielfältige und attraktive Plattformen zum Andocken schaffen“, fasst Dr. Juan Rigall, einer der Studienleiter, die Meinungen der befragten Experten und Branchenvertreter zusammen.

Das regulatorische Umfeld hemmt junge Chemie- und Pharmaunternehmen hierzulande massiv

Bei genauerer Betrachtung der externen Innovationshemmnisse fällt auf, dass die Innovationskraft junger Unternehmen im Bereich Regulierung/Bürokratie besonders negativ beeinträchtigt wird. Am stärksten belasten Zulassungs- und Genehmigungsverfahren: Hier treten viele Probleme aufgrund zeitlicher Verzögerungen der behördlichen Verfahren auf, was zu zusätzlicher Planungsunsicherheit führt. Hinzu kommt, dass Notifizierungs- und Zulassungsverfahren, Berichtspflichten und die Vielzahl von Institutionen und Entscheidungsebenen mittlerweile ein kritisches Ausmaß erreicht haben. Gerade junge Unternehmen betrifft dies, da entsprechende Erfahrungen über den Umgang mit und die Vorbereitung auf die komplexen Verfahren sowie Ressourcen fehlen – größere Unternehmen können zumindest die Abläufe aufgrund Ihrer Erfahrungen internalisieren. 

tl_files/images/artikel/VCI Artikel 15.12.15/VCI_Hemmnisse_top_extern.jpgAbbildung: Regulierungs- und Finanzierungs-/Förderungsthemen behindern Start-ups

Folgerichtig fordert die Studie, mehr Planungssicherheit im regulatorischen Umfeld zu gewährleisten und eine innovationsfreundliche Regulierung sicherzustellen. Eine aktive Einbindung der Industrie in die Weiterentwicklung der regulatorischen Rahmenbedingungen auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene ist zukünftig unabdingbar. Zudem ist es notwendig, die Gründung und Vertiefung von Dialogformaten zwischen Politik und Industrie für jede Teilindustrie und für neue Technologien zu forcieren.

Insbesondere der unterentwickelte Risikokapitalmarkt in Deutschland stellt ein wesentliches Hemmnis dar

Im Bereich der Finanzierungs- und Förderungsmöglichkeiten für junge Unternehmen zeigen sich erhebliche Verbesserungspotentiale: Hohe Kredithürden und unterentwickelte Risikokapitalmärkte werden bemängelt. Auch sollten Förderprogramme stärker die Bedürfnisse von Start-ups berücksichtigen. Heutige Programme sind mit unverhältnismäßig hohem administrativem Aufwand verbunden, welcher von jungen und kleinen Unternehmen häufig nicht zu leisten ist. Diese Anforderungen müssen reduziert und die Programme entbürokratisiert werden. Die Summe dieser Problemfelder führt dazu, dass sich in Deutschland eine erfolgreiche Start-up Kultur nicht entfalten kann.

Nach wie vor höchstproblematisch ist der Umgang mit Wagniskapitalinvestitionen in Deutschland: Trotz des hohen Risikos für den Finanzierer ist diese Finanzierungsform in Deutschland rechtlich und steuerlich nicht attraktiv genug ausgestaltet. Hier besteht schneller Handlungsbedarf. Beispielhaft sind hier eine Verbesserung der Abschreibungsbedingungen zur Bereitstellung von Risikokapital und beim Erwerb von Anteilen an Start-ups sowie „Steuerpausen“ für Investoren, die Gewinne direkt reinvestieren, zu nennen.

Unternehmertum muss an Universitäten salonfähig werden

Als weiteres Problemfeld identifiziert die Studie den Umgang mit Start-ups im universitären Umfeld. Auch wenn in den vergangenen Jahren erste Schritte zur Verbesserung der Situation für Start-ups gemacht wurden (bspw. über die EXIST-Förderprogramme), hinkt Deutschland weiterhin hinterher. Dies betrifft die Vermittlung von grundlegendem Gründungswissen, Unterstützungsangeboten für Gründer sowie die Verknüpfung von (potentiellen) Gründern mit der Wirtschaft. Ausländische Hochschulen, wie die ETH Zürich und die WU Wien, zeigen, dass Unternehmertum an Universitäten erfolgreich gefördert werden kann. Das Technion Haifa gilt aufgrund von Verbindungsbüros zur Industrie und einem besonderen Fokus auf Kooperationsforschungen als Best Practice bei der Verbindung von Wirtschaft und Wissenschaft.

Hier gilt es für deutsche Hochschulen anzusetzen: Betriebswirtschaftliche Kenntnisse müssen stärker in der universitären Ausbildung verankert werden, die Begleitung und Entwicklung neuer Produkte durch die Universität sowie Kooperationsforschungen müssen forciert werden.

Deutschland muss mehr für seine Start-ups tun

Es bleibt festzuhalten, dass Deutschland keine günstigen Bedingungen für Start-ups bietet – hier ist dringender Verbesserungsbedarf auf verschiedenen Ebenen geboten: Das regulatorische Umfeld muss jungen Unternehmen ausreichend Freiraum zur Entfaltung geben. Finanzierungs- und Förderungsmöglichkeiten müssen verstärkt die Bedürfnisse von jungen Unternehmen berücksichtigen – insbesondere im Bereich des Wagniskapitals. Aber auch die Sensibilisierung für die gesellschaftliche Relevanz von Start-ups muss verbessert werden, vor allem im universitären Umfeld.

Zur Studie

An der schriftlichen Umfrage nahmen fast 200 Unternehmen teil. Zusätzlich wurden rund 70 Experten, Kunden und Wissenschaftler für die Studie persönlich befragt. Weitere Informationen erhalten sie unter www.vci.de/innovationsstudie

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